Das kindliche Immunsystem entwickelt sich in Phasen, in denen sich die Abwehrkräfte von Kindern Schritt für Schritt aufbauen und reifen. Über dieses Thema haben wir uns mit Michelle Krügel ausgetauscht. Michelle ist Drogistin, Geschäftsinhaberin, Spagyrikerin, Aromatherapeutin und Fachreferentin im Bereich Naturheilkunde und begleitet seit vielen Jahren Familien in Gesundheitsfragen – auch als Mutter von drei Kindern. Gemeinsam haben wir beleuchtet, warum Kinder gerade im Kita-, Kindergarten- und Schulalter besonders häufig Infekte durchmachen, wie sich das Immunsystem dabei entwickelt und welche natürlichen Möglichkeiten es gibt, Kinder im Alltag zu unterstützen.
«Das kindliche Immunsystem durchläuft verschiedene Entwicklungsphasen, in denen sich die Abwehrkräfte Schritt für Schritt aufbauen und reifen.»
Im Kern sind diese Phasen des Kindesalters eine wichtige Lernzeit für das Immunsystem. Bereits vor der Geburt und in den ersten Lebensmonaten erhält das Kind über die Mutter, die Muttermilch und die frühe Besiedlung des Körpers mit Mikroorganismen erste Schutz- und Abwehrimpulse. Dennoch ist das Immunsystem zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig ausgereift. Erst im Kontakt mit der Umwelt – insbesondere in Gemeinschaftseinrichtungen wie Kita und Schule – beginnt der eigentliche Trainingsprozess. Dort trifft das Kind auf eine grosse Vielfalt an Viren und Bakterien, wodurch das Immunsystem lernen muss, neue Erreger zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Dieser Prozess verläuft schrittweise von einem eher unspezifischen, angeborenen Abwehrsystem hin zu einem spezifischen, gezielteren Immunsystem, das mit der Zeit immer effizienter arbeitet.
Infekte in dieser Zeit sind deshalb kein Zeichen von Schwäche, sondern Teil dieser Entwicklung. Michelle Krügel beschreibt diesen Prozess bildlich als ein Puzzle, das sich nach und nach zusammensetzt, oder als ein System, das zuerst allgemein reagiert und später spezialisierte „Einsatzkräfte“ entwickelt. Auch die Beobachtung vieler Eltern, dass Kinder nach einer Krankheit häufig neue Entwicklungsschritte machen, lassen sich in diesen Zusammenhang einordnen. Während der Genesung regeneriert der Körper nicht nur physisch, sondern es entstehen auch neue neuronale Verbindungen im Gehirn, die Lernprozesse, Motorik und Entwicklung unterstützen können. Gleichzeitig bildet das Immunsystem sogenannte Gedächtniszellen, die bei erneutem Kontakt mit Krankheitserregern schneller reagieren können.
Eine zentrale Frage vieler Eltern ist, wie viele Infekte im Kindesalter noch normal sind. Häufig wird von etwa sechs bis zwölf Infekten pro Jahr gesprochen, insbesondere im Bereich der Atemwege oder des Magen-Darm-Trakts. Entscheidend ist jedoch weniger die Zahl als vielmehr der Verlauf: Wichtig ist, dass sich das Kind gut erholt, sich altersgerecht entwickelt und zwischen den Infekten wieder rasch stabil wird.
Ein wichtiger Grundpfeiler für ein starkes Immunsystem im Alltag ist die Lebensweise. Dazu gehört insbesondere ausreichendes Trinken von Wasser und ungesüssten Tees, damit alle Körperfunktionen optimal arbeiten können. Ebenso wichtig ist eine ausgewogene, bunte Ernährung mit Gemüse, Früchten, Vollkornprodukten, ausreichend Proteinen und einer insgesamt natürlichen Lebensmittelauswahl. Bewegung an der frischen Luft spielt ebenfalls eine zentrale Rolle – auch kalte Luft kann positiv wirken, indem sie die Durchblutung fördert und die Atemwege unterstützt, solange Kinder nicht auskühlen.
Ein entscheidender Faktor ist zudem der Schlaf. Während der Nacht regeneriert der Körper, bildet neue Immunzellen und verbessert die Kommunikation innerhalb des Immunsystems. Gleichzeitig werden Stresshormone reguliert und die Widerstandskraft gestärkt. Zu wenig Schlaf kann diese Prozesse deutlich beeinträchtigen und die Infektanfälligkeit erhöhen.
Auch Stress hat einen grossen Einfluss auf die kindliche Abwehr. Kurzfristiger Stress ist Teil des Alltags, problematisch wird er jedoch, wenn er chronisch wird – etwa durch Reizüberflutung, schulischen Druck oder emotionale Belastungen. Besonders emotionaler Stress kann das Immunsystem stark beeinflussen. Deshalb sind bewusste Ruhephasen im Alltag besonders wichtig: Zeiten ohne Programm, in denen Langeweile erlaubt ist, sowie einfache Rituale wie Spaziergänge, Bäder, kreative Tätigkeiten oder Musik helfen Kindern, wieder in die Balance zu kommen.
Neben diesen alltagsnahen Faktoren spielt auch die Naturheilkunde eine wichtige Rolle in der Unterstützung des Immunsystems. Pflanzen wie Echinacea gelten als klassische Immunpflanzen, die die körpereigene Abwehr stärken können. Der Holunder wird besonders im Kindesalter geschätzt, da er sowohl körperliche Prozesse wie Fieberverläufe und Schleimlösung begleiten als auch bei emotional belastenden Erkältungen unterstützend wirken kann. Die Schwalbenwurz wird traditionell vor allem im Zusammenhang mit viralen Infekten eingesetzt und zur Unterstützung der Regeneration nach Erkrankungen verwendet.
«Pflanzen wie Echinacea gelten als klassische Immunpflanzen, die die körpereigene Abwehr stärken können.»
Ergänzend dazu haben sich Hausmittel und Wärme als wertvolle Unterstützung bewährt. Wickel, Fussbäder, Wärmflaschen oder warme Anwendungen helfen dem Körper, Energie zu mobilisieren und die Selbstheilung zu fördern. Ebenso wichtig ist dabei die emotionale Komponente: Geborgenheit, Fürsorge und ein ruhiges Umfeld.
In der Praxis empfiehlt Michelle Krügel zudem einfache, aber konsequente Rituale im Alltag: regelmässiges Lüften, kleine Morgen- und Abendroutinen, der Einsatz von ätherischen Ölen oder Raumsprays sowie bewusste Erholungszeiten. Nicht Perfektion, sondern Kontinuität sei dabei entscheidend.
Krankheit im Kindesalter ist nicht nur ein Rückschlag, sondern ein wichtiger Lernprozess für Körper und Immunsystem. Sie fördert Resilienz, Geduld und Entwicklung und hilft Kindern langfristig, gestärkt aus diesen Phasen hervorzugehen. Wer das Immunsystem ganzheitlich betrachtet und den Alltag bewusst gestaltet, kann Kinder in dieser natürlichen Entwicklungsphase sinnvoll begleiten und unterstützen.