Manchmal führt das Leben uns auf Wege, die wir uns nie hätten vorstellen können, und konfrontiert uns mit Verlusten, die tief berühren. Der Verlust eines Kindes ist eine Erfahrung, die nur schwer in Worte zu fassen ist und die Eltern auf eine intensive Reise von Trauer, Angst und Liebe führt. Myriam Glor hat diese Erfahrung selbst durchlebt und teilt ihre Geschichte, um anderen Eltern Mut und Unterstützung zu geben.
Wenn Sie Unterstützung, Austausch oder weiterführende Informationen suchen, finden Sie hier hilfreiche Anlaufstellen:
Himmelskind
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Myriam Gloor – Produkte
Kindsverlust
Frühchen Schweiz
Sterneneltern
Myriam ist Mutter frühgeborener Zwillinge, doch ihre Tochter hat den Weg nach Hause nicht geschafft. Aus dieser schmerzhaften Erfahrung hat sie gelernt, mit der Trauer zu leben und Lebensmut wiederzufinden. Heute unterstützt sie andere betroffene Eltern auf vielfältige Weise – unter anderem mit Affirmationskarten für Sterneneltern und durch ihr ehrenamtliches Engagement bei der Organisation Früh- und Neokinder Schweiz, die sich für Familien von Frühgeborenen und kranken Neugeborenen einsetzt. Innerhalb der Organisation leitet Myriam die Untergruppe Neosternchen, die Eltern begleitet, die ein Kind auf der Neonatologie verloren haben.
Myriam erinnert sich an die Tage rund um die Geburt ihrer Zwillinge: Am 10. Oktober 2023, in der 28. Schwangerschaftswoche, hatte sie starke Kopfschmerzen. Ihre Gynäkologin war im Urlaub, weshalb Myriam entschied, zur Kontrolle ins Kantonsspital Aarau zu gehen. Die Untersuchungen zeigten, dass ihre Tochter kleiner und leichter als ihr Sohn war, und Myriam wurde stationär aufgenommen. Es folgten intensive Tage voller Untersuchungen, Lungenreifungsspritzen für die Kinder und die Vorbereitung auf eine sehr frühe Geburt. Am 13. Oktober, einem Freitag, wurde schliesslich der Kaiserschnitt durchgeführt. Die Zwillinge wurden mit nur drei Minuten Abstand geboren und direkt auf die Neonatologie gebracht.
Die ersten Tage auf der Neonatologie waren für Myriam eine Mischung aus Hoffnung, Angst und tiefer Unsicherheit. Sie beschreibt, wie intensiv es war, die Kinder nur über Schläuche und Geräte beobachten zu können, während gleichzeitig das Leben draussen weiterlief. Doch trotz aller Sorge gab es auch Lichtblicke: Die Kinder kämpften tapfer, und Myriam konnte kleine Momente voller Liebe erleben.
Schon früh spürte Myriam, dass ihre Tochter den Weg nach Hause nicht antreten würde – eine Ahnung, die sie schon bei einem positiven Schwangerschaftstest hatte. Der Abschied war sehr intensiv und zugleich voller Liebe. Die Familie konnte die letzten Atemzüge gemeinsam in einem Bett erleben, und obwohl die Situation paradox klingt, beschreibt Myriam dies als den schönsten Moment ihres Lebens.
«Alles was bleibt ist die Liebe.»
In den Monaten nach dem Verlust hat Myriam Wege gefunden, mit der Trauer zu leben. Sie nahm sich bewusst Zeitfenster zum Trauern, nutzte therapeutische Unterstützung wie Craniosacraltherapie, Osteopathie und EMDR, und stabilisierte ihren Alltag durch Routine. Sie lernte, dass Kontrolle eine Illusion ist und dass das Leben trotz tiefer Verluste weitergeht. Durch ihre Erfahrung entwickelte sie die Fähigkeit, intuitiv zu handeln und den Moment zuzulassen, selbst in der Trauer.
Aus ihrem Schmerz hat Myriam etwas Wertvolles geschaffen: Affirmationskarten für Sterneneltern, die dabei helfen, die Verbindung zu ihrem verstorbenen Kind lebendig zu halten. Diese Karten enthalten Botschaften, die trösten, Kraft geben und die Liebe zum Kind würdigen. Eine besonders bewegende Botschaft lautet: „Ich bin in jedem Lied, das ihr singt. Ich bin in jedem Tanz, den ihr tanzt.“
Im Netzwerk Neosternchen finden betroffene Eltern Austausch und Unterstützung. Die Gruppe ermöglicht es Eltern, sich über WhatsApp oder regelmässige Online-Treffen miteinander zu verbinden und so das Verständnis und die Solidarität Gleichbetroffener zu erfahren. Myriam betont, wie wichtig dieser Austausch ist, denn niemand, der nicht selbst einen solchen Verlust erlebt hat, kann ihn wirklich nachvollziehen.
«Ich bin in jedem Lied, das ihr singt. Ich bin in jedem Tanz, den ihr tanzt»
Myriam beschreibt, wie sie heute mit Trauerwellen umgeht: Sie lässt die Gefühle zu, weint bis die Welle abklingt, und verbindet sich bewusst mit der Liebe, die ihr Kind hinterlassen hat. Rituale, Naturmomente und kleine Zeremonien im Alltag helfen ihr, die Trauer zu integrieren, ohne sie zu verdrängen. Für sie bedeutet Heilung, den Verlust zu akzeptieren, die Trauer zu integrieren und Frieden zu finden – nicht das Ziel zu erreichen, dass etwas ungeschehen gemacht wird.
Abschliessend gibt Myriam anderen Eltern und Angehörigen den Rat, die Trauer willkommen zu heissen, die Liebe anzuerkennen die bleibt, und sich nicht von Schuldgefühlen oder dem Gefühl des Versagens überwältigen zu lassen. Sie zeigt, dass Trauer und Liebe nebeneinander existieren dürfen und dass Heilung darin besteht, das Erlebte ins eigene Leben zu integrieren, ohne es zu verdrängen.